"Unser Wiki schläft nie"

Ein Einstand nach Maß war das erste Mitgliedertreffen des Marketing-Clubs Bergisch Land im neuen Jahr für den Vorstand der Technischen Akademie Wuppertal, Erich Giese. Minuten vorher noch war er auf der Mitgliederversammlung einstimmig zum neuen Club-Präsidenten bestimmt worden - sein Amtsvorgänger Vok Dams wurde mit der gleichen Mehrheit zu Recht für seine Verdienste zum Ehrenpräsidenten gewählt -, schon wenig später konnte er seinen Gäste das außergewöhnliche Thema des Abends vorstellen. Und auch die vielen Mitglieder, die trotz Schnee und glatter Straßen ins "Rossini" in der Historischen Stadthalle gekommen waren, sollten in Bezug auf Unternehmenskultur absolutes Neuland betreten.
Moderatorin Asal Tayouri von der Bergischen Entwicklungsagentur begrüßte als Referenten des Abends Frank Roebers, Vorstand der SYNAXON AG, Europas größter IT-Verbundgruppe mit 3,3 Mrd. Euro Umsatz und 20.000 Mitarbeitern in rund 3.300 angeschlossenen Unternehmen.
In seinem Vortrag "Demokratie hinter dem Werkstor" erläuterte Roebers das einzigartige Experiment, das er und seine160 Mitarbeiter in der Firmenzentrale wagten, als das Unternehmen 2006 aufgrund der gefallenen Einkaufspreise für Computer in eine Krise rutschte. Ausschlaggebend war seine Begegnung mit Jimmy Wales, dem Gründer von Wikipedia, und seine Erfahrungen als Redakteur für die Online-Enzyklopädie. Der diplomierte Jurist war begeistert über die Zusammenarbeit, die Diskussionen und Meinungen und über die Schnelligkeit der Wiki-User. Konnte man das Unternehmen organisieren wie Wikipedia?
Im Oktober 2006 wurde das firmeneigene Wiki bei SYNAXON eingeführt, mit zwei wichtigen Bedingungen: Die Plattform sollte - bis auf einige wenige Punkte - absolut transparent sein, und jede aufgestellte Regel könne von jedem geändert werden. Ein wichtiger Unterschied zu Wikipedia war jedoch, die Beiträge unter dem Klarnamen der Nutzer zu veröffentlichen. "Wenn wir Glück haben, gehen wir nur pleite", beschrieb Roebers seine damaligen Bedenken, und auch bei seinen Mitarbeitern hätten Ängste und Widerstände bestanden. Doch wider Erwarten trug der Versuch erstaunliche Früchte, wie Roebers an verschiedenen Beispielen deutlich machte. 500 bis 600 Kommentare und Diskussionsbeiträge hinterlassen die User auf ihrer Wiki - pro Tag und rund um die Uhr! "Unser Wiki schläft nicht", so Roebers. Daneben wurden alle Mitarbeiter gebeten, Nutzerseiten mit einer Beschreibung ihrer Persönlichkeit anzulegen, mit einem erstaunlichen Effekt: "Wir haben so ganz neue Talente entdeckt." Ein weiterer wichtiger Schritt war, die Mitarbeiter eigene Blogs schreiben zu lassen, ohne vorherige Freigabe. Heraus kamen hierbei zum Beispiel Rezensionen von IT-Artikeln, die viele Kunden den Herstellerseiten vorziehen würden. "Die Blogs sind heute unser wichtigstes Marketinginstrument", betonte Roebers. Seit Februar 2012 wird auch LiquidFeedback bei SYNAXON genutzt. Auf dieser Software können die Mitarbeiter anonym verschiedene Initiativen zur Abstimmung bringen, mit überwiegend wertvollen Ergebnissen für das Unternehmen. Das Fazit der vergangenen sechs Jahre fällt für Roebers durchweg positiv aus: "Das entgegengebrachte Vertrauen setzt sehr viel Energie frei." Potentiale würden erkannt und die Effizienz gesteigert.
Man müsse sich allerdings von einigen Denkweisen verabschieden: dass man seinen Mitarbeitern nicht trauen könne und dass Führungskräfte immer alles besser wüssten. Angenehme Nebeneffekte des Wikis: Die Fluktuation sinkt, dafür steige die Identität der Mitarbeiter mit dem Unternehmen umso mehr. "Wir ziehen Leute an", meinte Roebers und warnte den Mittelstand: "Um Fachkräfte zu halten oder anzuziehen, ist das Nachdenken über neue Unternehmenskulturen wichtiger denn je."
Tiefen Eindruck hinterließ Roebers' Vortrag bei den Zuhörern. Dies verdeutlichten die vielen Fragen im Anschluss. Zum Dank dafür und unter großem Beifall erhielt Frank Roebers den "Bergischen Hammer" von Club-Präsident Erich Giese.

Text: Peter ten Eicken

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