Die Deutschen, ein Volk mit Rhythmusstörungen

Einen rundum gelungenen Abend verlebten die mehr als 70 Mitglieder und Gäste des Marketing-Clubs Bergisch Land beim ersten Treffen des neuen Jahres am 16. Januar. Das lag sowohl am ausgezeichneten Vortrag des Referenten als auch an der Location. Denn den Organisatoren war es gelungen, den Ort der Veranstaltung in die erst im Dezember eröffnete Junior Uni zu legen. Und so empfing der Initiator dieses Wuppertaler Leuchtturm-Projekts, Prof. Ernst-Andreas Ziegler, die Teilnehmer im großzügigen Foyer zwischen zahlreichen Eltern, die auf ihren wissbegierigen Nachwuchs warteten. Gemeinsam mit Dr. Ina Krumsiek führte er durch das von außen wie auch von innen gelungene Gebäude mit zahlreichen Seminarräumen und Laboren auf drei Etagen. Und die Marketingspezialisten zeigten sich nicht zum letzten Mal an diesem Abend sehr beeindruckt.

Bei seiner Begrüßung im großen Hörsaal der blauen Etage dankte Club-Präsident Erich Giese dem Gastgeber Prof. Ziegler, der sich freute, unter den Clubmitgliedern zahlreiche Gesichter wiederzusehen, die ihn bei der Verwirklichung „seines“ Projekts mit Ideen, Engagement und natürlich mit finanziellen Mitteln so tatkräftig unterstützt haben und dies auch weiterhin tun.

Silke Asbeck präsentierte das neue Jahresprogramm, das sich mit dem Thema „Neue Kommunikation“ befassen wird. Als ersten Vortragenden in der Reihe stellte sie Stephan Grünewald vor. Der Psychologe und Bestseller-Autor ist Mitbegründer des Kölner rheingold Instituts, das auf Basis der morphologischen Psychologie Marktforschung betreibt. An diesem Abend sprach Grünewald, angelehnt an den Titel seines letzten Buches, über „Die erschöpfte Gesellschaft“ und „Warum Deutschland neu träumen muss“. Denn nach den letzten Krisen gehe die Angst vor dem „schwarzen Loch“ um. Es gelte, den Status quo, wenn nicht zu verbessern, so zumindest mit allen Mitteln zu halten. Die Arbeitsprozesse würden immer enger, das eigene Hamsterrad müsse immer schneller laufen. Merkwürdigerweise jedoch begehre niemand gegen diesen Zustand der Überbetriebsamkeit auf. Vielmehr mache sich ein Erschöpfungsstolz breit: je kaputter der Mensch am Abend sei, je besser müsse der Tag gewesen sein. Und mehr noch: man tritt mit diesem Gefühl in Konkurrenz mit anderen. Denn nur dem Erschöpftesten, so Grünewald, winke am Ende die Tapferkeitsmedaille des Burnout, die weniger Mitleid als vielmehr Anerkennung bei den Konkurrenten hervorrufe. Das aber könne das Ziel nicht sein.

Man müsse lernen, innezuhalten, einfach auch einmal nichts tun, Dehnungsfugen in die Arbeitsprozesse einbauen“. Gerade die vermeintlich zweckfreien Momente seien oftmals die kreativsten. Helfen könnten dabei die Träume, „diese provokanten Selbstgespräche der Seele“, die ja Narrenfreiheit genössen und konkurrenzlos seien und so ein Korrektiv darstellten zum alltäglichen Einerlei. Dabei seien doch gerade die Deutschen, wiewohl an- und zupackend, immer auch ein Volk der Träumer und Querdenker gewesen. Wichtig sei es, die gestörte Rhythmik zwischen Tag und Traum wiederzufinden, den Kontakt zu unseren Sehnsüchten zuzulassen und den Mut zu finden, dem Aufruf unseres Innersten, es anders zu machen, zu folgen. Denn paradoxerweise sei das Anderswerden heutzutage größeren Tabus unterworfen als das Anderssein.

Grünewald forderte dazu auf, nicht dem Diktat der ständigen Verfügbarkeit zu folgen, den Betriebsmodus, der sogar unser Freizeitverhalten bestimmt, zurückzufahren, seinen Gedanken einfach nachhängen zu können, den Mut zum Träumen zu finden und den schöpferischen Müßiggang wiederzuentdecken. Dass er damit den Nerv seiner Zuhörer traf, zeigten der Applaus und die vielen Diskussionsbeiträge im Anschluss.

Zum Dank für seinen überzeugenden und humorigen Vortrag erhielt Grünewald natürlich den „Bergischen Hammer“ von Präsident Giese.

Ein so passender wie schöner Einstieg ins neue Jahr, der vielleicht – oder hoffentlich – die Anwesenden dazu animierte, ihre Vorhaben und Pläne zum Jahreswechsel noch einmal zu überdenken. 

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